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Unterwegs auf dem Explorertrail 4

Nachdem wir in den Vorjahren auf den ersten drei Etappen unseres Fernwanderrittes Bodensee-Gardasee durch wunderschöne Landschaften gereist sind, nette Menschen kennengelernt und kleine Abenteuer erlebt hatten, sind wir Ende Mai 2011 mit hohen Erwartungen zu unserer Abschlussetappe an den Gardasee gestartet.
Auch diese Etappe sollte wieder unvergessliche Eindrücke hinterlassen und so manche Überraschung für uns bereithalten.

Pfad an einem Lawinenhang am Monte Cadria
Fernwanderritt Bodensee-Gardasee

4. Etappe – Vom Ultental an den Gardasee

Ende Mai war es soweit – nachdem die Idee für den Fernwanderritt im Jahr 2007 entstanden war, konnten wir endlich die Abschlussetappe unseres Fernwanderrittes an den Gardasee angehen. Die Planungen dazu liefen bereits seit einigen Monaten. Sehr hilfreich waren dabei die Informationen zur Stationsplanung, die ich von Andrea von Kienlin, einer Rittführer-Kollegin aus Bayern, bekommen habe. Andrea ist im Juli 2009 in 16 Tagen vom Tegernsee an den Gardasee geritten. Da sich unsere Streckenplanung ab dem Nonstal überschnitten hat, konnte ich auf ihre Erfahrungen zurückgreifen –speziell bei der Suche nach Unterkünften im italienischsprachigen Raum hat mir die Unterstützung von Andrea sehr viel Zeit und Arbeit erspart. An dieser Stelle deshalb noch einmal ein herzliches Dankeschön an Andrea! Auf der 4. Etappe hat mich wieder Stefan, ein Rittführerkollege aus Österreich begleitet. Außerdem hatte Ernst, ebenfalls Rittführer und Präsident der vfs Südtirol, im letzten Jahr spontan zugesagt, mit uns auf der gesamten 4. Etappe zu reiten. Er war es auch, der dann telefonisch die Reservierung der Unterkünfte für uns vorgenommen hat. Ebenfalls wieder mit von der Partie war mein Freund Winni, der uns als Trossfahrer und Mountainbiker begleitete.

Bei Ernst und den Reitern vom Ultental wollten wir uns dann auch zum Start treffen. Angedacht war, dass wir den Übergang vom Ultental ins Nonstal, den wir letztes Jahr bereits als Abschlussetappe geritten sind, noch einmal reiten („weil es so schön war.“) und von dort aus über das Val di Sole und Madonna di Campiglio in Richtung Gardasee ziehen. Am Lago di Ledro, der hoch über dem Gardasee liegt, wollten wir uns dann noch mit Giovanni treffen, der am südlichen Gardasee einen Wanderreitbetrieb führt und auf Ritte in den Bergen im Hinterland des Gardasees spezialisiert ist. Er sollte uns dann noch die schönsten Strecken auf den alten Militärpfaden hoch über dem Gardasee zeigen.

Erstens kommt es anders, als man Zweitens meistens denkt…

Bereits seit Anfang März stand ich in ständigem Kontakt mit Ernst und habe mich nach den Schneebedingungen in den Bergen erkundigt. Während die Webcams im Skigebiet Schwemmalm teilweise bereits schneefreie Flächen zeigten, lagen aber am steilen Sattel zwischen dem Ultental und dem Nonstal noch immer große Schneefelder . Diese Schneefelder entstehen im Winter teils durch Windverfrachtung, teilweise aber auch durch Lawinenabgänge und sind so kompakt, dass sie selbst höheren Temperaturen lange widerstehen. Nachdem auch das Regentief Anfang Mai in den Höhenlagen der Berge eher noch für Schneezuwächse gesorgt hatte, war schließlich klar, dass wir nicht wie geplant im Ultental starten konnten. Eine weitere Hiobsbotschaft gab es von Giovanni, bzw. von Anke, die für mich als „Dolmetscherin“ fungierte: Im Stall von Giovanni hatte ein Einsteller eine Infektion eingeschleppt und zahlreiche Pferde hatten Fieber und Nasenausfluss. Da wir das Risiko, dass sich auch unsere Pferde anstecken würden, nicht eingehen wollten, strichen wir  schweren Herzens die letzten 3 Reittage und verabredeten, diese dann im September 2011 nachzuholen.

Prolog

Ich habe mich mit Stefan wieder auf der Station von Manfred Larcher in Pfunds verabredet. Wir wollen uns trotz der Änderungen in der Rittplanung im Ultental mit Ernst treffen, um den Pferden nach der Anfahrt noch eine Nacht lang Erholung und Anpassung an die Höhe zu ermöglichen. Da Ernst am Wochenende noch auf einem Ausbilderlehrgang der vfs ist und erst ab Montag mitreiten kann, beschließen wir, den Sonntag zu nutzen, um einen Eingewöhnungsritt im Ultental zu machen. In Pfunds laden wir Jimmy und die Ausrüstung von Stefan in mein Gespann um und machen uns dann auf den Weg über den Reschenpass in Richtung Meran. Von dort aus geht es auf einer kurvenreichen Strecke noch einmal eine halbe Stunde das Ultental hinauf bis nach Kuppelwies. Ernst hat für Stefan, Winni und mich bereits Zimmer reserviert – die Pferde werden wieder auf den Koppeln des Reitvereins Kuppelwies übernachten. Am Reitstall erwartet uns bereits Moritz, ein Reitkollege von Ernst. Er zeigt uns unsere Koppel und lädt uns anschließend zu einem Willkommens-Trunk ein. Während wir uns mit den Ultener Reitern unterhalten, können wir unsere Pferde beobachten, die ihre Koppel neugierig ablaufen und dabei nach Grashalmen Ausschau halten. Später machen wir uns dann auf den Weg ins Hotel Ortler, in dem uns bereits ein leckeres 6-Gänge-Menue erwartet. Nach dem vorzüglichen Essen und einem gutem Wein gehen wir voller Vorfreude auf die kommenden Tage zu Bett.

Für unseren Eingewöhnungsritt sind wir am Sonntag um 13.00 Uhr mit den Ultener Reitern verabredet. Neben Moritz und zwei weiteren Reitern aus dem Ultental begleitet uns heute auch Monika, die Frau von Ernst, auf dessen Pferd Aro. Gestern Abend hatten die Ultener Reiter spontan angeboten, uns auf dem Nachmittagsritt zu begleiten. Das hat uns gefreut – schließlich geht es beim Wanderreiten ja auch darum, Land und Leute kennen zu lernen…

Die ersten Kilometer reiten wir wieder entlang des schönen Uferwegs am Zoggler-Stausee. An der Staumauer geht es dann für die nächsten 10 Kilometer steil den Berg hinauf. Hier bekommen wir einen ersten Vorgeschmack darauf, was uns in den kommenden Tagen erwartet. Unsere Pferde kommen mächtig ins Schwitzen und auch Winni kann uns mit dem Mountainbike auf dem steilen Bergweg bald nicht mehr folgen. Auf dem Scheitelpunkt des Weges kommen wir nach zwei Stunden an einer kleinen Hütte vorbei, an der wir eine Pause einlegen. Für die Pferde gibt es Wiesengras zur Stärkung, für die Reiter ein Bier – spendiert von Jugendlichen, die auf der Hütte ein „Fescht“ gefeiert haben. In der prallen Sonne macht das Bier aber eher müde, als dass es uns erfrischt. Deshalb sind wir dann auch ganz froh, als wir nach einer halben Stunde wieder aufbrechen und in den schattigen Bergwald in Richtung Stall absteigen. „What goes up, must come down“ – fällt mir dazu spontan ein: Die ca. 600 Höhenmeter, die uns die Pferde zuvor den Berg hinaufgetragen haben, geht es nun wieder steil hinunter, wobei diesmal die Reiter zu Fuß gefordert sind. Als wir schließlich wieder am Reitstall ankommen, spüre ich mit jeder Faser meines Körpers, was „WanderReiten in den Bergen“ bedeutet…

Unser „Nachmittags-Eingewöhnungsritt“ ging lt. GPS über insgesamt 17 Kilometer mit jeweils knapp 600 Höhenmetern Anstieg/Abstieg. Der Ritt beseitigt dann auch meine letzten Bedenken, dass das Training mit Askalon, mit dem ich erst vor 8 Wochen gezielt begonnen hatte, nicht ausreichend gewesen sein könnte. Ich hatte zwar neben den Trainingsritten „um den Hof“ auch noch Tagesritte im Naturpark Obere Donau eingebaut, weil es dort möglich ist, längere steile Anstiege/Abstiege zu trainieren, war aber nicht sicher, ob das ausreichen würde. Heute hat Askalon aber gut mit den „Gebirgspferden“ von Stefan und Ernst mithalten können. Auch macht er nach dem Ritt nicht den Eindruck, dass er sich übermäßig verausgabt hätte – zumindest reicht die Energie noch, um nach unserer Rückkehr am Reitstall angeberisch über die Koppel zu traben und nach den anderen Pferden zu rufen...

Nachdem wir die Pferde abgeduscht und vom Schweiß befreit haben, bekommt jedes noch 3 kg Kraftfutter, um Energiereserven für den kommenden Tag aufzubauen. Heu haben wir bereits nach dem Motto "all you can eat" in einer ausrangierten Apfeliste vorbereitet, so dass die Jungs für die Nacht versorgt sind. Dann lassen wir den Sonntag im Wellness-Bereich des Hotels mit Sauna und Schwimmbad ausklingen. Zum Abendessen stoßen später noch Monika und Ernst zu uns – gemeinsam genießen wir ein weiteres 6-Gänge-Menue im Hotel Ortler – ganz nach dem Motto der DWA:  Reiten, Genießen, Erleben

Aufbruch mit dem Gespann

Im Hotel sind wir am Morgen die ersten Gäste, die aufstehen. Auch das Personal hat gerade erst mit der Arbeit begonnen und schaut uns verwundert an. Wir bekommen einen „schnellen Kaffee“, bevor wir zu den Pferden fahren, um sie noch einmal zu füttern. Danach geht es zum Frühstück zurück ins Hotel. Auch das Frühstück braucht einen Vergleich mit dem tollen Abendmenue nicht zu scheuen: Neben verschiedenen Sorten Brot und Brötchen gibt es eine große Auswahl an Wurst, Speck und Käse. Außerdem Gemüse, Obst, Joghurt, Müsli, Marmelade, Honig und verschiedene Säfte. Leider können wir gar nicht alles probieren, da wir vom gestrigen Menue eigentlich noch „voll“ sind. Außerdem sind wir ja um 08:30 Uhr mit Ernst bei den Pferden verabredet, so dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt. Am Stall angekommen, putzen und verladen wir die Pferde, was alles in allem keine 15 Minuten dauert. Dann geht es mit zwei Gespannen und Winni als Begleittross nach Rumo im Nonstal. Während der Fahrt können wir einen Teil der Strecke, die wir im letzten Jahr geritten sind, einsehen. Leichtes Bedauern überkommt mich, dass wir diese erste Etappe wegen der Schneelage streichen mussten. Dann aber fordert die schmale, kurvenreiche Straße meine ganze Aufmerksamkeit beim Fahren und lässt mich diese Gedanken verdrängen.

Die Straßen sind zum Teil so steil, dass ich Probleme habe, mit dem vollbeladenen Wagen und zwei Pferden im Hänger ohne Untersetzung im 1. Gang anzufahren. Auf Dauer wollte ich hier nicht mit dem Gespann fahren müssen – das würde die Lebensdauer von Kupplung und Bremsen drastisch reduzieren. Einmal müssen wir einer Umleitung folgen und kommen durch eine Häusergasse, die gerade einmal 20 Zentimeter breiter ist, als unsere Gespanne . Ich halte die Luft an, bis wir die Engstelle passiert haben.

In Rumo halten wir an einer Metzgerei, deren Inhaber ein Bekannter von Ernst ist. Er gibt uns noch Tipps, wo wir die Gespanne am besten parken und in den Weg in Richtung Val di Sole einsteigen können. Durch diese kurzfristige Änderung der Planung können wir erst ab dem Beginn des Val di Sole auf dem geplanten Weg reiten. Stefan hat unsere Planung wieder als Track auf sein GPS geladen; ich bin diesmal mit Kompass-Wanderkarten ausgerüstet. Gleich bei der Frage der Einstiegsstelle in den Bergwald oberhalb von Rumo kommen erste Diskussionen auf. Die Garmin-Karte, die auf Stefans GPS abgebildet ist, stimmt in der Detailgenauigkeit nicht mit meiner Kompass-Karte überein. Mal hat Stefan Wege auf dem GPS, die es bei mir nicht gibt – dann ist es wieder umgekehrt. Viele Wege führen auch nur auf Lichtungen im Bergwald und sind weder bei mir, noch auf dem GPS verzeichnet. So sind wir dann auch nicht wirklich sicher, ob der etwa zwei Meter breite Weg, den wir nun in den Bergwald einschlagen, auch wirklich der auf meiner Karte markierte Weg ist. Nach wenigen Kilometern ist das erste Hindernis zu überwinden. Auf einem schmalen Pfad, der entlang einer steilen Bergflanke führt, hat ein umgestürzter Baum ein Stück des Weges weggerissen. Die Wurzeln des Baumes versperren uns nun den Weg auf den dahinter liegenden schmalen Pfad. An ein Darüberreiten ist nicht zu denken – also heißt es Absteigen und Führen. Jimmy, der Haflinger von Stefan, steigt mit der rassetypischen „Augen-zu-und-durch-Mentalität“ über das Hindernis. Dann folgt Aro, der Maremmano von Ernst, der mit der Routine eines Gebirgspferdes das Hindernis völlig unaufgeregt überwindet. Jetzt sind Askalon und ich an der Reihe. Askalon will es mir dann doch nicht so leicht machen. Vielleicht „sticht ihn auch der Hafer“, den er am Morgen noch einmal bekommen hat – jedenfalls möchte er dann doch zweimal „gebeten“ werden, bevor er mit einem großen Satz über das Hindernis springt. Wäre das Hindernis erst später am Tag gekommen, wenn er bereits etwas „Pulver verschossen hat“, wäre er vermutlich ohne zu mucken im Schritt über das Hindernis gegangen. So aber nutzt er die Gelegenheit, hier einen auf „dicke Hose“ zu machen, nur allzu bereitwillig. Ich bin jedenfalls froh, dass meine Zügel lang genug sind, um mich aus seiner „Landezone“ zu bringen. Wir folgen dem Weg weiter, während der auf der Karte eingezeichnete Weg lt. GPS etwa einhundert Höhenmeter über uns verläuft. Also hätten wir doch einen anderen Einstieg in den Bergwald wählen müssen. „Macht auch nichts“, denke ich mir – „viele Wege führen nach Rom“ oder in unserem Fall „an den Gardasee“…

Da wir nun zudem in ein Gebiet kommen, in dem Windbruch zahlreiche Bäume umgeschmissen hat, müssen wir durch den Wald wieder hinuntersteigen und entfernen und so noch weiter von unserem geplanten Weg. Wir kommen schließlich an einer Straße aus dem Wald heraus und folgen ihr für ca. einen Kilometer, bis wir den Windbruch umgangen haben. Bei der nächsten Gelegenheit biegen wir wieder auf einen Weg in den Wald ab, der zumindest so befestigt ist, dass er regelmäßig benutzt zu werden scheint. Wir folgen dem Waldweg und stoßen irgendwann später doch noch auf unsere geplante Route ins Val di Sole.

War der erste Teil der Strecke noch abenteuerlich und kurzweilig, so ist der nun folgende Abschnitt zwar landschaftlich reizvoll, aber eher langweilig zu reiten. Wie Andrea folgen wir dem Radweg entlang des Flusses Noce, auf dem uns zuweilen laut kreischende Rafter auf ihrem Ritt über die Stromschnellen passieren. Leider ist der Radweg in voller Länge asphaltiert und obwohl wir immer wieder auf einem Grünstreifen neben dem Weg reiten können, ist das nicht gerade ein verheißungsvoller Start in unseren „Abenteuer-Ritt“. Nach den vielen Kilometern, die wir in den vergangenen Jahren schon durch die Alpen geritten sind, sind wir mittlerweile schon etwas anspruchsvoll geworden. Ein Naturpfad, am besten mit Blick auf Murmeltier und Co sollte es dann schon sein…

Auch die Pferde verlieren die Lust auf dem kilometerlangen „Asphalthaatsch“ und gehen weniger enthusiastisch, als zuvor in unebenem Gelände. So ziehen sich die Kilometer, während die Sonne unbarmherzig auf uns herab brennt. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, dass die Station, in der Andrea übernachtet hatte, noch einmal eine Strecke von ca. 6 Kilometern Asphalt bedeuten würde. Darauf hat keiner von uns – die Pferde eingeschlossen – heute noch Lust. Wir halten deshalb seit einiger Zeit schon Ausschau nach einer Alternative. In der Nähe von Croviana kommen wir an einem Bauernhof vorbei. Auf den Weiden stehen Pferde – „die müssten sich mit Unterkünften auskennen“, denken wir uns und reiten in den Hof hinein. Sofort öffnet sich ein Fenster und ein junges Mädchen schaut hinaus. Ernst fragt nach, ob sie eine Unterkunft für uns wüsste, in der auch die Pferde übernachten können. Den auf meiner Kompasskarte eingezeichneten Reitstall bei Molina, auf den wir spekuliert hatten, gibt es aber nicht mehr. Unsere Enttäuschung wandelt sich jäh in Freude, als wir von der freundlichen Familie – allen voran Anna, die reitbegeisterte Tochter – spontan eingeladen werden, bei Ihnen zu übernachten.

Ich spreche ein Stoßgebet gen Himmel, dass uns Ernst mit seinen Italienischkenntnissen „erlöst“ hat und freue mich, dass dieser langweilige, heiße Nachmittag (jetzt weiß ich auch, warum das hier „Val di Sole“ heißt) ein Ende gefunden hat. Ernst hat offensichtlich das Gleiche gedacht. Er macht den Vorschlag, dass wir nächstes Jahr im September, wenn ich den Fernwanderritt Bodensee-Gardasee am Stück reite, eine andere Strecke wählen: Vom Ultentall führt ein Wanderweg über das Rabbijoch (2449 m) bis hinunter nach Male. Das würde uns nicht nur einen Reittag sparen, sondern meiner Vorstellung von einem Ritt über die Alpen, auf naturbelassenen Pfaden und durch atemberaubende Landschaften, deutlich mehr entsprechen, als ewig in den dichtbesiedelten Tälern zu reiten. Die Idee begeistert uns wenig später noch mehr. Ernst ist mit Francesco ins Gespräch gekommen, der sein Pferd – ebenfalls ein Maremmano – auf dem Hof eingestellt hat. Dieser erzählt uns, dass er jedes Jahr mit Freunden über das Rabbijoch nach St. Gertraud im Ultental reitet. Das imponiert mir – der freundliche Italiener ist mittlerweile 79 Jahre alt und reitet noch immer täglich mit seinem 10-jährigen Maremmano durch die Berge im Val di Sole. Zu guter letzt bietet er uns noch an, uns am nächsten Tag auf dem Ritt über die Berge nach Madonna di Campiglio zu begleiten und uns seine schönsten Wege zu zeigen. Wieder voller Motivation versorgen wir die Pferde auf der Weide. Dann machen wir uns, nachdem die Gespanne nachgeholt wurden, zu Fuß auf den Weg in eine Pizzeria, in der es eine phantastische Holzofen-Pizza mit Büffel-Mozarella gibt. Wegen unserer ausgedörrten Kehlen gibt es heute Abend keinen Wein, sondern ein paar Gläser Hefeweißbier zum Essen.

Reiterdiskussionen

Stefan und Ernst haben die Nacht in der kleinen Ferienwohnung des Bauernhofes geschlafen. Winni und ich haben stattdessen die Gelegenheit genutzt, mein neues „Wurfzelt“ zu testen und bei den Pferden auf der Weide zu schlafen. Außerdem ist mir die nur einreihige Einzäunung der Weide nicht sehr vertrauenswürdig erschienen, weshalb ich lieber in der Nähe der Pferde bleiben wollte. Mein Schlaf im Zelt ist nicht so tief, wie daheim im Bett. Mehrmals wache ich in der Nacht auf und nutze dabei die Gelegenheit, nach den Pferden zu schauen. Dann, gegen 5.00 Uhr weckt mich der Bauer. Ich verstehe nur „cavalli“ und schaue rasch aus dem Zelt: Tatsächlich – während Jimmy noch auf der Weide steht, machen sich Aro und Askalon genüsslich über das üppige Gras neben der Weide her. Der niedrige Zaun ist umgetreten – wahrscheinlich ist eines der Pferd beim Grasen unter dem Zaun hängen geblieben und hat ihn dann umgerannt. Ich teste den Strom mit einem Finger. Es ist kaum noch „Saft auf der Leitung“ – nur ein leichtes „Kribbeln“ ist zu spüren. So kann der nur einreihig gezogene Zaun die Pferde natürlich nicht zurückhalten! Mit ein paar „Leckerlis“ aus dem Hänger und zwei Halftern mache ich mich auf den Weg, die beiden Ausbrecher einzufangen. Aro, der mich noch nicht so gut kennt, beäugt mich misstrauisch und entfernt sich zur Vorsicht einige Meter von mir. Dann frisst er – mich von der Seite beäugend - weiter im Gras. „Dann eben anders“, denke ich mir und gehe zu Askalon. Der begrüßt mich in Erwartung eines „Leckerlis“ schon mit einem leisen Wiehern und kommt mir entgegen. Zur Belohnung bekommt er nach dem Anhalftern zwei „Leckerlis“ gefüttert, die er genüsslich zerkaut. Als Aro das sieht, verliert auch er seine Scheu und lässt sich bereitwillig von mir Anhalftern.

Erleichtert, dass das „Einfangen“ der Pferde problemlos verlief, gehe ich mit den beiden über die taunasse Wiese zurück auf die Weide. Nachdem der Zaun wieder aufgerichtet ist, schließe ich mein eigenes Zaungerät an – jetzt ist wieder „Saft“ auf der Leitung. Die Pferde testen den Zaun prompt einmal aus – schließlich hat es ja vorher auch geklappt und das saftige Grün lockt auf der anderen Seite...

Das Stichwort „Leckerlis“ erinnert mich an eine Diskussion, die Ernst und ich gestern geführt haben. Ernst lehnt für sich den Einsatz von „Leckerlis“ ab, wohingegen ich sehr gute Erfahrungen mit dem gezielten Einsatz gemacht habe. Da wir beide mit unseren unterschiedlichen Wegen gute Erfahrungen gemacht haben, haben wir auch beide Recht – kein Grund deshalb für uns, in „Glaubenskriege“ auszubrechen.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich manche Pferdehalter intensiver mit Fragen der Fütterung, der Ausrüstung oder der Reitweise/Ausbildung ihrer Pferde beschäftigen, als sie es bei der eigenen Ernährung oder bei der eigenen Gesundheit tun. „Intensiv“ bedeutet dabei aber nicht zwangsläufig „fachlich fundiert“ – vielmehr erfolgt die Auseinandersetzung mit einzelnen Themen häufig auf der Grundlage eines in der Pferdepresse verbreiteten „Halbwissens“, das nur an der Oberfläche des Themas „kratzt“. Die dabei geführten Diskussionen werden zum Teil mit einer „pseudo-religiösen“ Inbrunst geführt, die kaum Platz für Toleranz gegenüber Andersdenkenden bzw. „Andersreitenden“ lässt.

Auch das Thema „Leckerlis“ gehört zu den kontrovers geführten Themen. Ich jedenfalls bin froh, dass Askalon mir in Erwartung eines „Leckerlis“ entgegen gekommen ist und ich nicht „hasch mich“ mit ihm spielen musste…

In meinen Kursen sage ich den Teilnehmern deshalb, dass es keine „absoluten Wahrheiten“ gibt, die für alle Pferde und jede Situation Allgemeingültigkeit haben. Was bei einem Pferd funktioniert, klappt beim anderen Pferd nicht. Wo ein Pferd mit Durchfall oder gar Kolik reagiert, scheint das andere Pferd eine Konstitution aus Eisen zu haben. Der beste Rat, den ich einem Reiter geben kann, ist sich ein breites, solides Grundlagenwissen anzueignen und dann für sich und sein Pferd das herauszufinden, was am besten funktioniert. Meine Empfehlung ist, sich dieses Grundlagenwissen und die erforderlichen praktischen Fertigkeiten in Kursen oder Seminaren – z.B. der Deutschen Wanderreiter-Akademie (DWA) anzueignen.

Natürlich könnte man das alles auch ohne Kurse, Seminare oder Lehrbücher nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ herausfinden, sofern dies aber auf Kosten der Gesundheit unserer Pferde geschieht, halte ich es für ein Gebot der Horsemanship, dass man Fehler, die andere schon gemacht haben, nicht noch einmal selbst begehen muss.

Das gilt im Übrigen auch für „alte Hasen oder Häsinnen“: Mir gefällt deshalb der Spruch: „Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden“ (Sokrates).

Ein typisch italienisches Frühstück

Jetzt ist es 05.30 Uhr und es macht keinen Sinn mehr, zurück in den Schlafsack zu kriechen. Wir verstauen unsere Sachen im Auto und stellen das vom Tau der Nacht feuchte Zelt auf einen Kipper, damit es abtrocknen kann. Während Stefan und Ernst noch im Bett liegen, machen Winni und ich uns mit dem Auto in Croviana auf die Suche nach einem Café, in dem wir frühstücken können. Hier ist jedoch alles ausgestorben und wir müssen einen Ort weiter nach Male fahren, wo es am Kirchplatz gleich zwei Cafés gibt. Nachdem das „Objekt der Begierde“ ausgekundschaftet ist, fahren wir zurück zum Bauernhof, um Stefan und Ernst abzuholen. Die sind mittlerweile auch schon auf den Beinen und nur allzu bereit, mit uns zu frühstücken. Nun kommen wir zu einem „dunklen Fleck“ in der Lebenskultur Italiens - das Frühstück. Während ich sonst als gebürtiger Südtiroler ein Freund der italienischen Lebensweise bin und insbesondere das gute Essen, den Wein, das Eis und last but not least den italienischen Kaffee sehr schätze, werde ich mich an das Frühstück nie gewöhnen können! Süße, mit Schokolade oder Vanille gefüllte Blätterteighörnchen hätten mich zwar zu meiner Kindergartenzeit glücklich gemacht, sind aber wahrhaftig nicht das, was sich ein gestandener Reiter zum Frühstück wünscht - schon gar nicht, wenn ein langer und anstrengender Reittag bevorsteht! Da uns nichts anderes übrig bleibt, bestellen wir besagte Hörnchen, derweil ich von unserem Frühstücks-Buffet im Hotel Ortler träume. Wenigstens der Kaffee hält, was er verspricht und so kehren die Lebensgeister bald wieder zurück…

Über die Berge nach Madonna di Campiglio

Zurück am Hof gibt es dann eine weitere Überraschung: Nicht nur Francesco erwartet uns schon, als wir mit dem Auto zurückkommen, sondern auch Anna, die Tochter der Bauern, will heute von der Schule „blau machen“ und uns begleiten. Während wir die Pferde fertig machen, fügt sich Winni in das Los des Tross-Fahrers und kümmert sich um das Weidezaungerät und das Gepäck der Gruppe. Wir studieren dann noch auf der Karte, wo wir einen Treffpunkt vereinbaren können und starten dann zu einer wunderschönen Etappe, die uns für den „Asphalthaatsch“ des Vortages mehr als entschädigen sollte. Von Croviana, das auf 738 m liegt, queren wir noch einmal die Noce über eine Brücke und biegen dann in den „Bosco di Croviana“ ein. Francesco führt uns mit einer Leichtigkeit, die einen seine 79 Jahre nicht erkennen lässt, über wunderschöne Naturpfade und Forstwege immer weiter steil den Berg hinauf. Wir queren kleine Bäche, steigen über umgestürzte Bäume und sehen den ganzen Vormittag keinen einzigen Meter Asphalt mehr! Anfangs mache ich mir noch die Mühe, auf der Karte unsere Route zu verfolgen – dann aber lege ich sie weg und genieße „die unbeschwerte Leichtigkeit des Seins“. Schließlich zeichnet Stefan den Track mit dem GPS auf, so dass wir ihn daheim auf der Karte nachvollziehen können. Die Gesellschaft von Francesco und Anna ist so nett, dass ich hoffe, dass sie uns auch im kommenden Jahr wieder begleiten werden. Für die Pferde ist das stundenlange Bergaufgehen sehr anstrengend. Obwohl es nicht mehr so warm ist, wie noch am Tag zuvor und wir darüber hinaus auch lange im Schatten des Waldes reiten, sind sie schweißgebadet, als wir nach vier Stunden die Malga Mondifra erreichen. Die Malga (Alm) liegt auf 1632 m – wir haben also am Vormittag bereits knapp 900 Höhenmeter geschafft. Ein Nachteil des frühen Reittermins ist, dass die Almen noch nicht bewirtschaftet sind. So treffen wir zwar auf zwei Einheimische, die auf der Alm die Vorbereitungen für den Almauftrieb treffen, aber eine Bewirtung unserer Truppe ist leider noch nicht möglich. Macht nichts – wir haben den größten Teil des Anstiegs hinter uns und können in der Ferne den Passo Campo schon erahnen. Nach einer kurzen Rast brechen wir auf, um die restlichen Kilometer bis zu unserer Mittagspause anzugehen. Kurz vor dem Passo Campo kommen wir noch an der Malga Magno (1702 m) vorbei. Dann haben wir die Passhöhe auch schon erreicht und folgen nun einer Skipiste, die hinunter ins Zentrum von Madonna di Campiglio führt. Noch einmal bewundere ich Francesco, der nicht nur im Sattel mit uns mithalten kann, sondern auch zu Fuß noch fit ist. Auf einer ungenützten Wiese am Ortsrand lassen wir die Pferde grasen. Nachdem der erste Hunger gestillt ist, verlieren sie bald das Interesse am Gras und dösen, am Zaun angebunden, in der Sonne. Ich informiere Winni per Handy, wo wir sind. Allerdings ist meine Beschreibung „am großen Baukran“ nicht wirklich hilfreich, da es – wie Winni mich belehrt – mindestens 5 Baukräne im Stadtzentrum gibt. Schließlich finden wir uns doch und machen uns auf die Suche nach einem Restaurant. Der 5-Stunden-Ritt bis nach Madonna di Campiglio hat uns hungrig gemacht, zumal das Blätterteighörnchen zum Frühstück nicht gerade lange angehalten hat…

Jetzt, direkt nach Ende der Wintersaison, wimmelt es im Ort nur so von Menschen – fast alle sind Handwerker oder Bauarbeiter, die emsig daran arbeiten, Altes auszubessern oder Neues zu schaffen. Das mit dem Essen gehen gestaltet sich als schwierig. Im ganzen Ort hat nur ein Restaurant geöffnet, in dem nun zur Mittagszeit alle Handwerker essen. Wir müssen vor der Tür warten, bis ein Tisch frei wird.

Winni, der sich heute noch nicht anstrengen musste, hat keinen Hunger und erklärt sich bereit, ein Auge auf unsere Pferde zu werfen. Erstaunlich schnell kommen wir an die Reihe und genießen im Restaurant ein wirklich vorzügliches Mittagessen mit Pizza und Pasta. Der Spruch „gehe dort essen, wo auch die Einheimischen essen“ hat sich wieder einmal als zutreffend erwiesen.

Nach dem Essen schießen wir ein gemeinsames Erinnerungsfoto mit Francesco und Anna. Dann begleiten uns die beiden noch bis zum Dorfausgang, um uns den Einstieg in die alte, unbefestigte Passstraße zu zeigen. Hier trennen sich dann unsere Wege. Wir winken den Beiden noch zum Abschied und machen uns dann auf den Weg zum heutigen Etappenziel in Caderzone. Jetzt geht es die gesamten Höhenmeter, die unsere Pferde zuvor mühsam erklommen haben, wieder auf der anderen Seite hinunter. Einen Teil reiten wir noch, dann führen wir die Pferde, bis wir die Talsohle erreichen. Von dort aus geht es noch einmal einige Kilometer auf Asphalt weiter, bis wir nach 9 Reitstunden in Caderzone ankommen. Die Station in Caderzone – ein privater Reitstall - erweist sich für unsere Pferde als grenzwertig. Allerdings bin ich in diesem Punkt auch ziemlich heikel. Die Koppeln, auf denen Andrea vor 2 Jahren noch ihre Pferde unterstellen konnte, sind alle belegt und so sollen die Pferde nun in „Boxen“ gestellt werden. Askalons schmale Betonbox, direkt neben einem Esel, gefällt mir aber überhaupt nicht. Schließlich hat er heute den ganzen Tag geschuftet, um mich hierher zu tragen und deshalb hat er auch ein anständiges „Nachtlager“ verdient! In der schmalen, nicht eingestreuten Box gibt es keine Möglichkeit, sich hinzulegen. Umgeben von Eseln, Pfauen und sonstigem Getier, würde er über Nacht sicherlich keine Entspannung finden. Da Ernst nicht da ist, bemühe ich meine rudimentären Italienischkenntnisse „non è buono“ erkläre ich einem der Angestellten mit finsterer Miene und mache ihm deutlich, dass ich die Pferde auf dem Reitplatz übernachten lassen möchte. Das geht zum Glück ohne Weiteres, allerdings kann der Angestellte nicht verstehen, warum wir die Pferde nicht in die Boxen stellen wollen – ihre Pferde stehen doch auch immer dort…

Gemeinsam stellen wir die Pferde also auf den Reitplatz. Hier können sie sich die Beine vertreten und nach Belieben wälzen. Die drei Jungs vertragen sich zum Glück - bis auf kleinere Zwistigkeiten - ganz gut. Allerdings ist eine ungerade Anzahl an Pferden immer etwas ungeschickt. Askalon hat sich jetzt Aro als neuen „besten Freund“ herausgesucht und vertreibt Jimmy immer wieder, wenn er Aro zu nahe kommt. „Du treuloser Verräter“ schelte ich ihn – noch vor wenigen Tagen, als die beiden alleine auf der Koppel standen, waren sie ein Herz und eine Seele…

Wir versorgen die Pferde mit Heu – da ihnen das Heu des Reitstalles nicht wirklich schmeckt, bekommen sie noch „Bodensee-Heu“, das ich von daheim mitgebracht habe. Jetzt lernen wir auch Sandro kennen, dem der Reitstall und eine kleine Pension gehören. Wir fahren in die nahe gelegene Pension. Die Zimmer sind wirklich schön und auch der Empfang ist herzlich. Am Abend, nachdem auch wir gegessen haben, gehen wir noch einmal bei den Pferden vorbei. Sie bekommen ihre Ration Kraftfutter und noch einmal etwas Heu.

Regenintermezzo

Als wir am nächsten Morgen aufstehen, regnet es in Strömen. Nach einem „italienischen Frühstück“, das meine Laune nicht aufhellen kann, gehen wir zu den Pferden. Sie bekommen wieder „Bodensee-Heu“ zu fressen, während wir darüber beraten, was wir tun wollen. Heute steht eine kürzere Etappe an, so dass wir es nicht eilig haben. Wir fahren zunächst die Gespanne vor zum nächsten Etappenziel in Bondo. Dort sorgen wir in einer Bar wieder für Umsatz – mein Kaffeekonsum steigt auf diesem Ritt wirklich bedrohlich an! Als wir zurück in Caderzone sind, regnet es noch immer und wir schlendern gemeinsam in die nächste Bar, um noch einen Kaffee zu trinken. Während wir auf besseres Wetter warten, bekommen wir Durst. Ernst bestellt einen Aperol-Weißwein-Mix, der wirklich lecker ist – da sieht die Welt doch gleich viel freundlicher aus! Gegen Mittag regnet es noch immer und wir beschließen, nun doch aufzubrechen. Heute reiten wir wieder auf dem Weg, den auch Andrea gegangen ist. Allerdings stimmt die Karte nicht mehr wirklich. Zwischenzeitlich wurde ein – natürlich asphaltierter – Radweg entlang der Sarca angelegt, der wenigstens abseits der Straße verläuft. Kurze Abschnitte auf schönen Naturwegen vermitteln eine Vorstellung davon, wie es vor einigen Jahren hier noch gewesen sein muss. Das einzige Abenteuer heute ist eine kleine Brücke, die ich auf meiner Karte entdecke. „Damit können wir bestimmt einen halben Kilometer Asphalt abkürzen“ rufe ich Ernst und Stefan zu. Letzterer zeigt deutliche Zurückhaltung, was meinen Vorschlag angeht: „Bei mir ist die Brücke nicht auf dem GPS verzeichnet“ meint er. „Macht nichts, bei mir schon. Komm lasst es uns probieren“ entgegne ich abenteurerlustig. Ernst ist derweil vorgeritten. Als wir bei der Brücke ankommen, entpuppt sich diese als etwa 15 Meter lange Hängebrücke. „Super“ denke ich mir – „jetzt müssen wir womöglich doch wieder zurück auf die Straße“. Ernst wirft einen Blick auf die Bohlen am Boden. Die Brücke macht einen soliden Eindruck und so reitet er dann langsam voran. Ich folge im Abstand von 5 Metern, während Stefan noch auf der anderen Seite wartet, damit wir nicht zu dritt gleichzeitig über die Brücke gehen. Als wir die Mitte der Hängebrücke erreichen, gerät diese leicht ins Schwanken und ächzt und knarrt. Ich merke, dass Askalon leicht unsicher wird und beruhige ihn. Dann kommt Stefan von hinten mit lautem Getöse angeritten – Jimmy wollte nicht länger alleine auf der anderen Seite bleiben und folgt seinen Kumpels nun wildentschlossen in einem Mix aus Schritt und Trab über die Brücke. Das Geräusch spornt auch unsere Pferde an und wir müssen sie zurückhalten, damit sie nicht zu Dritt im Trab über die Hängebrücke gehen. Als wir das sichere Ufer erreichen, blicken wir noch einmal zurück: „Nächstes Mal steigen wir wohl besser ab“, meint Ernst. Wir stimmen ihm zu und freuen uns auf den vor uns liegenden schmalen Pfad, der für kurze Zeit eine willkommene Abwechslung zu den Asphaltwegen bietet. Im nächsten Ort – laut Karte der letzte vor Bondo – entdecken wir an einer Kreuzung an der Hauptstraße eine kleine Bar. „Zeit für eine Kaffeepause“ denken wir uns und parken die Pferde an einem Zaun im Hof der Bar. Dies gefällt einem Hund gar nicht, der von der Terrasse des ersten Stockes aus wütend zu uns herunterbellt. Wir ignorieren den Hund und setzen uns an einen kleinen Tisch vor der Bar. Diesmal gibt es außer einem Espresso auch noch ein leckeres Eis als Nachtisch. Eine halbe Stunde später reiten wir dann weiter. Nachdem wir eine romantische Dorfstraße mit typisch italienischen Häuserfronten gequert haben, biegen wir auf einen Weg ein, der aus dem Ort heraus führt. Die ersten Kilometer ist der Weg noch asphaltiert, dann geht er im Wald unter „allgemeiner Begeisterung“ in einen Schotterweg über, der schön zu reiten ist. Unsere Regenmäntel haben wir schon vor einer Stunde verstauen können und so werden die letzten 1,5 Stunden noch recht angenehm zu reiten.

Visionäre Überlegungen

Ernst kann anscheinend meine Gedanken lesen: „Eigentlich müsste es auch möglich sein, nicht im Tal zu reiten, sondern auf Naturwegen entlang der Berghänge“. Ich stimme ihm zu. „Das sollte man noch einmal auskundschaften – gut wäre es, wenn wir hier Ansprechpartner aus der Region hätten, die sich auf den Wegen auskennen“. So kommen wir darauf, dass es noch viele Möglichkeiten gäbe, die Wanderreit-Infrastruktur grenzüberschreitend zu verbessern. Ernst möchte mit der vfs in Südtirol ein Netz von Ansprechpartnern für Reiter aufbauen, das nicht zwangsweise aus Rittführern bestehen muss. Auch ortskundige Reiter könnten hier bei der Wegplanung und der Vermittlung von Unterkünften behilflich sein. Etwas in dieser Form sollte es grenzüberschreitend und vernetzt geben – das würde sicherlich noch viel mehr Reiter „auf die große Reise zu Pferd“ bringen. Heute wird die Idee geboren, dass wir gemeinsam einen verbandsübergreifenden „Kollegenritt“ organisieren könnten – mit Rittführern aus Deutschland, Österreich, Südtirol, der Schweiz, Italien und Frankreich. So, wie Ernst mir bei meiner Planung durch Südtirol behilflich war oder ich Wanderreitern in meiner Region helfe und diese dann an die nächste Region „übergebe“, könnten wir das auch innerhalb Europas tun.

Eine aufregende Idee, nach einem wenig spektakulär verlaufenden Tag, der für mich als „Hängebrücken-Tag“ in Erinnerung bleiben wird.

Am Abend sprechen wir mit unserem Gastgeber in der Agritura Cornasest, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, die Wege im Tal zu verlassen und direkt über die Berge zu gehen. Andrea hatte von den drei möglichen Pässen den Passo di Rango gewählt, der mit 1304 Metern der niedrigste Übergang ins Val di Ledro ist. Laut Karte würde uns hier aber wieder ein langer Streckenabschnitt mit Asphalt erwarten – das wollen wir auf alle Fälle vermeiden. Wir entscheiden uns dafür, am nächsten Tag über den Sattel am Monte Cadria zu gehen, der mit 2254 Metern der höchste der Gardaseeberge ist. Das bedeutet zwar 1000 Höhenmeter zusätzlichen Anstieg, den wir aber gerne in Kauf nehmen. Am Abend fahren wir die Gespanne vor bis zum nächsten Tagesziel, den Lago di Ledro. Der Weg außen um die Berge herum dauert einfach fast eine Stunde. Von Pregasina aus haben wir einen herrlichen Blick hinunter auf den Gardasee. Da es hier oben keine Parkmöglichkeiten für die Gespanne gibt, fahren wir zurück nach Pieve, das am Anfang des Lago di Ledro liegt. Weil es zu spät würde, bis wir wieder in Bondo ankommen, beschließen wir, in Pieve zu Abend zu essen. Hier holt uns die „Touristen-Wirklichkeit“ wieder ein. Die Pizzen kosten hier fast das Doppelte, als zuvor im Hinterland. Selbst in Madonna di Campiglio war das Essen günstiger…

Während Stefan die vierte Pizza innerhalb dieser Woche bestellt, ordern Ernst und ich einen Grillteller mit Fleisch und gegrilltem Gemüse – herrlich! Das versöhnt mit der langen Fahrt und den etwas dreisten Preisen am Gardasee. Wir sitzen noch lange draußen und reflektieren das Erlebte der vergangenen Tage. Nach dem 2. Krug Rotwein wird es dann Zeit zum Aufbrechen. Da wir aus Platzgründen nicht Sitze für alle Mitfahrer haben, lege ich mich hinten zu unserem Gepäck und schlafe schon, als wir aus Pieve herausfahren. Pünktlich eine Stunde später wache ich dann erfrischt auf, als wir die Agritura Cornasest in Bondo erreichen. Wir geben den Pferden noch einmal Heu und Kraftfutter und versinken dann erwartungsvoll in den Schlaf.

Auf dem Sentiero della Pace

Als wir am nächsten Morgen aufstehen, ist der Himmel zwar noch bedeckt, aber es regnet nicht mehr. Das Frühstück ist in der Agritura um Klassen besser, als in den Tagen zuvor – allerdings scheint es außerhalb Südtirols keine Bäcker mehr zu geben, die ein „anständiges Brot / Brötchen“ backen können. So streichen wir unsere Butter auf etwas, das zwar aussieht, wie ein Brötchen, mit geschlossenen Augen und nur nach dem Geschmack aber nicht als solches erkannt würde…

Wir führen die Pferde auf den ersten Kilometern, bis wir aus Bondo herauskommen. Der Ort liegt auf einer Höhe von 827 Meter. Von hier aus führt uns der Weg bergab entlang der Talssohle über Rancone bis nach Lardaro (732). Auch hier sind die „Radwegbauer“ wieder am Werk – bei den Fahrgewohnheiten der Italiener und den schmalen Straßen durchaus kein verwerfliches Vorhaben. Wir vergessen die Karten und halten uns nur grob an die Richtung, in die wir müssen. Der Radweg ist zu unserer Freude noch im „Rohbau“. Das heißt, das Fundament ist geschottert und teils planiert, aber der „Asphaltmann“ war noch nicht da. So können wir heute etwa 5 Kilometer entlang eines Flusses reiten, bevor wir auf die Bergstraße nach Deserta (1143m) einbiegen müssen. Zwischen Stefan und mir entspannt sich eine Diskussion darüber, was ein Bach und was ein Fluss ist. Für den Tiroler, der die Landschaft naturgemäß „dreidimensional“ betrachtet, sind Bäche Gewässer, die vom Berg herunter kommen, wohingegen Flüsse im Tal fließen. Für einen Deutschen ist die Abgrenzung zwischen einem Fluss und einem Bach dagegen eher an der Größe festzumachen und so ist der Fluss, dem wir laut Stefan folgen für mich eben nur ein „Bach“. Ich frage Ernst, wie er das als Südtiroler sieht. Er meint auch, dass das ein Bach sei, kann aber auch keine konkreten Unterscheidungskriterien benennen. Was sich auf den ersten Blick als banale Diskussion darstellt, hat allerdings einen durchaus ernsthaften Hintergrund: Bei der Frage, ob wir uns links oder rechts vom Bach halten müssen, hatten Stefan und ich zuvor einige Zeit aneinander vorbeigeredet. Stefan: „Wir müssen uns nachher links vom Bach halten“. Ich: „Aber wir reiten doch schon die ganze Zeit links vom Bach – wir sind richtig“. Stefan: „Nein, wir sind noch rechts vom Bach – erst in einem Kilometer queren wir auf die linke Seite“. Ich: „Und was ist das 5 Meter rechts von uns, neben dem wir schon eine halbe Stunde herreiten“? Stefan: „Das ist ein Fluss“. Ich: Wieso ist das ein Fluss – der ist doch gerade einmal zwei Meter breit“? Schließlich einigen wir uns, dass es sich um ein fließendes Gewässer handelt und dass wir später im Wald noch einmal einen Bach queren müssen…

Schließlich erreichen wir – Fluss hin, Bach her - die Abzweigung nach Deserta. Eine steile Bergstraße führt in Serpentinen den Berg hinauf. Stefan erkennt auf dem GPS, dass der schmale Pfad, der in der „Diretissima“ quer zu den Serpentinen verläuft, durchgehen müsste. Wir beschließen, unser Glück zu versuchen und biegen auf den schmalen Pfad ein. Für die Pferde ist dieser Pfad sehr anstrengend und bald hört man sie heftig atmen, während sie sich Schritt für Schritt nach oben kämpfen. Dennoch ist es offensichtlich, dass auch ihnen dieser Pfad mehr Spaß macht, als das monotone Gehen auf der Straße. In Deserta, einer Siedlung, die offensichtlich nur als Sommerdomizil genutzt wird, legen wir eine Pause ein. Nur wenige Menschen sind anzutreffen und unsere Hoffnung auf eine Bar und einen Kaffee erfüllt sich leider nicht. Dafür dürfen die Pferde einen privaten „Volleyballplatz“ leer fressen, auf dem das Gras kniehoch steht.

Nachdem sie auch nach einer halben Stunde noch keine Anzeichen machen, dass sie nun bereit für den weiteren Weg sind, müssen wir sie mit sanftem Nachdruck dazu überreden. Wenig später erreichen wir die Malga Ringia (1398 m). Dort erschließt sich uns ein fantastisches Bild über die umliegenden Berge. Hier oben finden wir zur Abwechslung auch einmal wieder ein Wanderschild, das uns die Richtung weist. Allerdings sind wir zunächst ziemlich ratlos und fragen uns, auf welchem Weg wir über den steilen Sattel am Monte Cadria kommen sollen. Von unten ist kein Weg ersichtlich und alle unsere Vermutungen sollten sich später als falsch herausstellen. Wir gehen tatsächlich auf einer Route über den Sattel, die wir von unten nicht für gangbar gehalten haben!

Der Pfad führt anfangs auf Naturboden in Serpentinen den Hang hinauf. Als wir weiter nach oben kommen, führt der Weg über ein Geröllfeld, das sich aus kleinstem Erosionsgestein der umgebenden Felswände gebildet hat. In der ganzen Breite des Hanges stehen wir nun in einer gewaltigen Lawinenbahn, in der umgelegte Bäume von den Naturgewalten des Winters zeugen. In der Ferne kann ich auch noch Schneereste auf einem Lawinenkegel entdecken und in mir wächst die Befürchtung, dass wir womöglich an eine nicht passierbare Stelle kommen könnten.

In etwa 200 Meter breiten Serpentinen folgen wir dem Weg. In der ganzen Breite sind die Spuren von Lawinen zu erkennen. Wenn wir nach unten blicken, können wir den Weg nicht sehen, auf dem wir gekommen sind – wenn wir nach oben blicken, ist auch der weitere Weg nicht erkennbar. Laut GPS sind wir aber auf dem Weg, den unser Gastgeber uns am Vortag auf der Karte gezeigt hatte. Also folgen wir, hintereinander reitend, dem etwa 50 Zentimeter breiten Pfad den Hang hinauf. Nach der nächsten Kehre liegt der erste, von einer Lawine umgeknickte Baum auf dem Weg. Offensichtlich haben die Waldarbeiter den Wanderweg so früh im Jahr noch nicht freigeräumt und ich frage mich, was uns wohl noch erwartet. Ernst, der vorne reitet, fragt, ob Stefan oder ich eine Säge dabei haben. Ich bejahe das und freue mich, dass ich endlich einmal Gelegenheit habe, meine „Handkettensäge“ zu testen. Ernst nimmt die Säge und zerkleinert den Baum im Nu – er ist von der Säge ganz begeistert: „So etwas habe ich noch nicht gesehen – das funktioniert ja prima“ meint er. Nachdem der Baum beiseite geräumt ist, packt er die Säge wieder ein und sitzt auf – bis zur nächsten Kehre, wo ein weiterer Baum von etwa 30 Zentimeter Durchmesser auf uns wartet. Also: Säge wieder heraus und loslegen. Entgegen dem Versprechen des Herstellers, dass die Säge nicht festklemmen kann, „weil die Sägefläche breiter ist, als der Sägerücken“, verklemmt sich die Säge dann aber doch. Der Baum ist einfach zu breit und hat sich unter dem Gewicht verklemmt, als Ernst die Hälfte durchsägt hatte. Ich gebe Stefan meine Zügel und will Ernst helfen. Beim Versuch, das Sägeblatt zu befreien, reiße ich gleich einmal den Griff heraus – der Haken, mit dem er befestigt war, hat meiner brachialen Gewalt nicht Stand gehalten. Ernst zieht nun seine „Geheimwaffe“ ein Mulittool von Victorinox (ähnlich einem Leatherman). Mit der kleinen Säge kann er mit wenigen Sägebewegungen den Baum so schwächen, dass er vollends bricht und die Handkettensäge wieder frei gibt. Nun können wir wieder aufsitzen und unserem Weg weiter folgen. Noch einmal liegt ein Baum quer über dem Weg. Nachdem die Handkettensäge nur noch bedingt verwendbar ist, haben Glück, dass es diesmal reicht, mit dem Victorinox ein paar Zweige abzusägen. Dann können wir unter dem Baum durchreiten. Wenig später denke ich „nichts geht mehr“, als wir direkt auf einen Lawinenkegel zuhalten –zu Glück wendet sich der Weg wenige Meter vorher aber in einer Serpentine ab und folgt wieder in der entgegengesetzten Richtung. Wie schon im Vorjahr am Übergang des Tarscher Joches sind auch hier die letzten 100 Höhenmeter die schwierigsten. Der Pfad ist jetzt nur noch so breit, dass ein Pferd gerade mit beiden Beinen Platz hat. Rechts geht es den steilen Lawinenhang einige hundert Meter hinunter. Ich stelle Askalon so, dass er mit dem Kopf in Richtung Tal schaut, damit der Hinterkörper möglichst nahe am Hang bleibt. Das geht auch einige Zeit gut, bis selbst Ernst, unser erfahrener Mountainman meint: “Jetzt steigen wir besser ab und führen die Pferde“.

Vor uns liegt nun eine etwa 50 Meter lange Passage , in der wir über Felsstufen gehen müssen, die teilweise nur Platz für ein Pferdebein lassen. Bei solchen Passagen ist es das Beste, wenn man zügig, aber ruhig weitergeht. Zu langes Stehen führt nur dazu, dass die Pferde herumtrippeln und womöglich den Halt verlieren. Ich lasse Ernst ausreichend Vorsprung, damit er mir nach Steilpassagen auch Platz machen kann. Dann gehe auch ich los. Einmal höre ich, wie Askalon abrutscht. Da er aber noch drei weitere Beine auf festem Grund hat, zieht er das Hinterbein wieder ruhig nach oben und geht weiter. Als wir die Stelle überwunden haben, gehen wir zu Fuß weiter, bis wir ein kleines Plateau erreichen, auf dem wir „verschnaufen“ können. Wir machen noch ein paar Fotos – leider ist die Sicht heute aber nicht so toll. Als wir den Sattel erreichen, feiern wir das mit einem Schluck Obstler, den Stefan mitgebracht hat. Wir haben den höchsten Punkt der heutige Etappe erreicht – von jetzt an geht es nur noch bergab bis ins Tal. Den Weg hinunter bis zur Malga Cadria (1914 m) führen wir die Pferde. Auch sie sind jetzt erschöpft und das Bergabgehen über die von Steinen gesäumten Almwiesen strengt sie an. In einer Senke hat sich ein kleiner Teich gebildet (Pozza di Cadria), der dem Vieh im Sommer als Tränke dient. Der Grund ist fest und so reiten wir hinein, damit die Pferde ihre Beine abkühlen können. So langsam macht sich auch bei uns der Hunger bemerkbar. Die Pferde hatten zwar vor zwei Stunden einen ausgiebigen Snack, aber die Energie ist nach dem anstrengenden Anstieg längst verbraucht. Das Gras wächst hier oben noch spärlich – der Schnee ist wohl erst vor kurzem getaut und bis das Vieh hier herauf getrieben werden kann, wird es wohl noch mindestens drei Wochen dauern. Nach der Malga Cadria kommen wir endlich auf einen sichtbaren Teil des Sentiero della Pace, der uns hinunter zur Malga Vies (1669 m) führt.

Der Sentiero della Pace („Friedensweg“) hat seinen Ursprung in den alten Militärwegen des 1. Weltkrieges. In der Grenzregion zwischen Österreich und Italien fand hier zwischen 1915 und 1917 der sogenannte „Alpenkrieg“ statt – ein von beiden Seiten erbarmungslos geführter Stellungskrieg, der zahlreiche Opfer forderte. Auf den vom Militär von Hand gegrabenen, teils auch mit Dynamit gesprengten Wegen, wurden Baumaterial, Lebensmittel und Rüstungsgüter – ja ganze Kanonen mit der Hilfe von Mulis und bloßer Menschenhand in die höchsten Gebirgsregionen transportiert. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges machte sich niemand mehr die Mühe, die Überbleibsel des Alpenkrieges zu beseitigen. So sind noch heute entlang des ca. 500 km langen Verlaufs der Alpenfront Bunker, Kanonen und sonstiges Kriegsgerät zu finden. Nur die den Witterungseinflüssen ungeschützt ausgesetzten alten Militärwege begannen allmählich zu verfallen. Erst einen Weltkrieg und mehrere Jahrzehnte später kam die Idee auf, diese alten Militärwege im Rahmen eines Versöhnungsprojektes zwischen Österreich und Italien zu erhalten.

Die Wege wurden wieder instand gesetzt und können nun als historische „Friedenswege“ von Wanderern begangen werden. Ein Teil der Wege – insbesondere dort, wo früher Mulis für den Lastentransport eingesetzt wurden, kann auch mit Pferden begangen werden. Da es sich allerdings ausschließlich um sehr exponiert gelegene, schmale Pfade im Steilgelände handelt, die teilweise auch durch enge, unbeleuchtete Tunnel führen, sollte dies nur unter der Führung eines ortskundigen Rittführers und mit trittsicheren, erfahrenen Pferden gewagt werden.

An der Malga Vies verlassen wir den Sentiero della Pace. Die Malga Vies ist keine Käsealm, sondern wird für das Jungvieh als Sommerweide genutzt. An einem Forstweg, der hier endet, parken mehrere Autos. Von einem nahe gelegenen Hügel können wir Stimmen hören, die auf eine „lustige Gesellschaft“ schließen lassen. Nach der Überwindung des Passes sind auch wir „reif für eine Pause“. Außerdem haben wir einen ordentlichen Hunger und der Weg den Berg hinunter bis an den Lago di Ledro wird noch einmal 3 Stunden dauern.

Wir müssen also etwas gegen unser „Verpflegungsproblem“ tun. Ernst geht weiter in Richtung der Stimmen. Ein kleiner Pfad führt den Hügel hinauf. Auf der Rückseite des Hügels steht eine Jagdhütte, auf der sich heute, am 02. Juni, dem italienischen Nationalfeiertag, eine Gruppe von Jägern zu einer Feier getroffen hat.

Am „Tag der Republik“ – wird an die Volksabstimmung vom 02.06.1946 gedacht, bei der die Italiener für die Abschaffung der Monarchie und die Gründung einer Republik gestimmt haben.

Auf dem mit Holz befeuerten Ofen steht ein Topf, in dem ein herrlich duftender Rehgulasch leise vor sich hin köchelt. Daneben steht auf einem rustikalen Holzbrett eine große, frisch gekochte Polenta (Maisbrei). Die Jäger laden uns spontan zum Essen ein und tischen dazu auch noch einen guten Rotwein auf – eine Geste, die bei deutschen Jägern, die tendenziell nicht unbedingt reiterfreundlich sind, eher die Ausnahme sein dürfte. Nach dem Essen (selbstverständlich mit Nachschlag) wird uns dann noch ein selbst gemachter Nuss-Schnaps und ein Espresso angeboten. In diesem Moment könnten wir nicht zufriedener sein. Die Etappe über den Sattel am Monte Cadria hatte alle Elemente, die man sich von einer Alpentour erwarten kann. Nun werden wir hier in netter Gesellschaft bewirtet. Ivo, einer der Jäger, erzählt uns, dass seine Frau am Ledrosee ein kleines Hotel führt. Ich frage nach, ob man dort auch Pferde einstellen könnte. „Am Hotel geht es nicht, aber ich habe nicht weit entfernt ein eingezäuntes Grundstück, in dem ihr die Pferde über Nacht unterstellen könntet“ antwortet Ivo. Er zeigt uns das Grunstück auf der Wanderkarte und zeichnet auch gleich noch die Lage des Hotels ein. Somit ist ein weiteres Problem gelöst, denn hier am Ledrosee hatte ich ohnehin nach einer Übernachtungsmöglichkeit mit Pferden gesucht, war aber über das Internet nicht fündig geworden. Wir tauschen die Adressen / Telefonnummern aus und verabreden, nächstes Jahr bei ihm vorbeizukommen. Dann verabschieden uns nach 1 Stunde wieder von den Jägern. Auch die Pferde haben sich zwischenzeitlich den Bauch mit frischem Gras vollgeschlagen und dösen in der Sonne. Nur die Kriebelmücken, die es selbst auf dieser Höhe gibt, haben die Entspannung etwas beeinträchtigt.

Der weitere Weg den Berg hinunter hat es dann in sich. Wir können nicht den geplanten Weg gehen – die Jäger meinten, dass der Weg mit den Pferden nicht gangbar ist. Stattdessen sollen wir den Forstweg nehmen, den auch sie mit dem Auto benutzen. Der Weg ist extrem steil und wellenförmig mit scharfen Kanten betoniert worden, damit die Autoreifen auch bei Schneeglätte Halt finden. Anfangs hegen wir noch die Hoffnung, dass der Betonweg irgendwann einmal wieder in einen Naturweg oder Schotterweg übergeht, doch diese Hoffnung zerstreut sich mehr und mehr, je länger wir dem Weg folgen. Wir führen die Pferde nun 2 Stunden lang den Berg hinunter. Zwischendurch müssen wir kurze Pausen machen, weil die Knie heftig schmerzen. Auch für die Pferde, die immerhin einen „Vierfußantrieb“ haben, ist der Weg sehr anstrengend. Immer wieder rutschen sie mit den Beinen weg, wobei es keine Rolle spielt, ob das Pferd wie Aro mit Eisen beschlagen ist oder wie Jimmy und Askalon mit Kunststoffbeschlägen (Duplos). Obwohl der scharfkantige Asphalt dem Kunststoff der Duplo-Beschläge extrem zusetzt, bin ich froh, dass Askalon keine Eisenbeschläge hat. Der Kunststoff absorbiert doch einen Großteil der Schläge, die sonst von den Gelenken und Sehnen aufgefangen werden müssten. Nachdem ich einmal ausgerutscht bin, stecke ich schimpfend meine Karte weg – das hat auf dem harten Boden richtig weh getan! Ich richte meine Konzentration jetzt darauf, wohin ich die Füße setze und versuche, möglichst federnd abzurollen. Bei einer Weggabelung rufe ich Stefan, der ca. 50 m vor mir geht, noch zu, dass ich nicht laufen und auf die Karte schauen kann und er jetzt auf dem GPS nach dem Weg schauen muss. Als wir schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit am Fuß des Monte Cadria auf einen flacheren, reitbaren Weg kommen, bin ich froh, dass ich meine Knie nun wieder schonen kann. Bei der ersten Gelegenheit sitze ich auf. Askalon hat es jetzt eilig – wie immer spürt er instinktiv, wann wir am Ende der Etappe ankommen und legt dann noch einmal deutlich einen Zahn zu. Stefan und Ernst lachen uns deswegen schon aus.

So reiten Askalon und ich voraus, während Stefan und Ernst folgen. Meine Karte lasse ich in der Tasche – im Vertrauen darauf, dass Stefan auf dem GPS schon nach dem Weg schaut.

Wir kommen an eine Straßengabelung. Askalon biegt links ab – von der Malga Vies aus lag der Lago di Ledro links von uns, weshalb die Richtung eigentlich stimmen müsste. Ich bin zu faul, die Karte herauszuholen und verlasse mich auf Stefan, der ja das GPS dabei hat. Nach fünfzehn Minuten kommt mir der Weg allmählich dann aber doch „spanisch“ vor. Eigentlich müssten wir so langsam aus dem Tal heraus und in den nächsten Ort kommen. Ich ziehe jetzt doch die Karte heraus und habe Probleme, unsere Position zu finden. Dort, wo ich glaubte zu sein, stimmt die Landschaft nicht mit den Angaben auf der Karte überein. Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass wir hier nicht richtig sind. Ich versuche nachzuvollziehen, wo wir den Berg heruntergekommen sind und wo wir dann an der Gabelung nach links abgebogen sind. Wo genau das war, kann ich nicht mit Sicherheit sagen – nur eins steht fest: Es war nicht dort, wo ich abbiegen wollte! Wo sind wir denn dann links abgebogen? Während ich mir diese Fragen stelle, reiten Stefan und Ernst ein gutes Stück hinter mir und unterhalten sich. Da kommt uns ein Fiat auf der Straße entgegen. Ich halte den Wagen an und frage: „È questo la strada per Pieve?“ in einem nicht ganz korrekten Italienisch. Die Fahrerin versteht mich dennoch und erklärt mir, dass Pieve genau in der entgegengesetzten Richtung liegt. Ich bedanke mich und schaue mir den Weg jetzt noch einmal auf der Karte an. Wir hätten also vorhin rechts reiten müssen und dann erst am Talausgang links abbiegen dürfen. Jetzt heißt es also wieder umdrehen und den Weg zurückgehen. 20 Minuten hin und 20 Minuten wieder zurück macht einen Umweg von 40 Minuten – das hätte heute wirklich nicht mehr sein müssen! Auf dem Rückweg navigieren Stefan und ich wieder „doppelt“. Wenigstens finden wir so einen Naturweg, der parallel zur Straße verläuft und ein wenig Abwechslung verspricht. „Viele Köche verderben den Brei“ lautet ein Spruch, der mir jetzt durch den Kopf geht. Da sind drei erfahrene Rittführer beisammen und wir verreiten uns ausgerechnet an einer wirklich einfachen Stelle! Tatsache ist, dass wir alle schon geistig auf das Rittende programmiert waren und sich jeder von uns auf den anderen verlassen hatte. Als vorne Reitender hätte ich nach dem Weg schauen müssen. Da ich Stefan vorher aber zugerufen hatte, dass ich die Karte wegstecke und er auf dem GPS nach dem Weg schauen muss, hatte ich mich darauf verlassen, dass er die Navigation übernimmt. Stefan ist davon ausgegangen, dass ich jetzt vorne im Sattel wieder navigiere und war durch das Gespräch mit Ernst abgelenkt. Und Ernst hat sich auf uns beide verlassen, da wir auf dem Ritt bislang immer parallel navigiert hatten. So ist das mit den kleinen Geschichten, die es von einem Wanderritt zu erzählen gibt. Ich jedenfalls habe mir das gemerkt – noch einmal wird mir das nicht passieren! Schließlich kommen wir dann aber doch noch in zeitig Pieve an. Am Ortseingang lassen wir die Pferde auf einem ungenutzten Grünstreifen fressen und rufen Winni an. Zu unserem Erstaunen ist er 3 Minuten später bei uns – er war unweit in einer Eisdiele gesessen und hatte gerade ein Eis gegessen.

Ernst und ich fahren mit Winni zu unseren Gespannen, während Stefan nach den Pferden schaut. Unsere Pferde sorgen für viel Aufmerksamkeit und so steht schon eine Traube von Menschen um sie herum, als wir eine halbe Stunde später mit den Gespannen eintreffen. Die Mehrzahl sind Frauen und Kinder – aber auch ein junger Mann ist dabei. Er spricht mich an und gibt mir seine Visitenkarte. Es stellt sich heraus, dass er ein paar Kilometer weiter einen kleinen Reiterhof hat. Wir erklären ihm, dass unser Ritt jetzt leider vorbei ist, dass wir ihn aber eventuell im nächsten Jahr besuchen werden. Nach dem Absatteln decken wir die Pferde ein und verladen sie in die Hänger. Dann werden die Pferdeäpfel noch vom Parkplatz abgesammelt und auf dem Grünstreifen am Straßenrand entsorgt.

Wanderreiter-Philosophie

Auf dem Rückweg nehmen wir die Strecke über den Gardasee und die Autobahn in Richtung Bozen/Meran. Meine Gedanken schweifen ab und ich sehe vor mir wieder die Bilder der letzten Tage. Ein wenig Wehmut überkommt mich – allzu schnell ist dieser Ritt, den ich seit Monaten geplant hatte, zu Ende gegangen.
Mir fällt wieder Herbert Fischer ein, der - auf die Zielankunft seines Rittes in die Camargue angesprochen - geäußert hat: "Nicht das Ankommen ist wichtig, sondern das Unterwegssein". Diese Feststellung kann ich nur unterstreichen. Wenn man diesen Gedanken weiterführt, könnte man auch sagen: "Das Ankommen ist wie ein kleiner Tod ". Damit meine ich, dass das Ankommen nach einem Wanderritt das unwiederbringliche Ende eines Abschnittes ist. Ähnlich wie beim Herr der Ringe, in dem "vom Ende der Gemeinschaft der 8" die Rede ist, endet auch nach einem Wanderritt eine Gemeinschaft von Menschen und Pferden, die durch gemeinsame Erlebnisse zusammengeschweißt worden sind. Selbst wenn man den gleichen Ritt zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in derselben Besetzung wiederholen würde, wäre es nicht das Gleiche - die gemeinsamen Erlebnisse dieses einen Rittes werden sich nicht mehr reproduzieren lassen...

Nach dem Ritt ist vor dem Ritt...

Den eigentlichen Höhepunkt dieser 4. Etappe unseres Fernwanderrittes an den Gardasee werden wir nun im September 2011 nachholen - mit einem 4-Tages-Ritt im Naturpark Alto Garda. Auf dem Ritt entlang der alten Militärwege in den Gardaseebergen werden uns noch ein paar Freunde begleiten, so dass wir diesmal mit 8 Pferden unterwegs sein werden.
Einen Nachbericht mit - hoffentlich vielen schönen Fotos - werden wir dann im Oktober auf unsere Homepage stellen.

 

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